Artikel zur Online-Supervision im JOURNAL SUPERVISION

Im vergangenen Jahr wurde ich von der Deutschen Gesellschaft für Supervision (DGSv) dazu eingeladen, einen kleinen Überblicksartikel zum Thema „Online-Supervision“ für das „JOURNAL SUPERVISION“ zu schreiben. Der Artikel ist im Dezember 2013 erschienen und mit der freundlichen Genehmigung der Herausgeber, darf ich ihn meinen Leser_innen auch hier zur Verfügung stellen. Wie immer freue ich mich über Rückmeldungen und Kommentare zu diesem Artikel.

Ein Überblick über den aktuellen Stand der Online-Supervision, ihren besonderen Charakter und Entwicklungsaufgaben für die Zukunft (erschienen in: JOURNAL SUPERVISION 4/2013)

Text: Emily Engelhardt

Angesichts der fortschreitenden Digitalisierung und Mediatisierung unserer Gesellschaft müssen sich Supervisor/innen Gedanken darüber machen, in welchem Setting und mit welchen Methoden sie ihr Supervisionsangebot gestalten. An einer Auseinandersetzung mit Onlineberatung kommen sie dabei nicht vorbei. Im alltäglichen Gebrauch finden sich für dieses Format unzählige Begriffe: Von „Internetberatung“ über „digitale Beratung“, „computergestützte Beratung“ oder „E-Beratung“ bis hin zu den im englischsprachigen Raum gängigen „E-Counseling“ oder „Distance Counseling“. Allen gemein ist, dass sie sich für den Akt der Beratung der Infrastruktur des Internets bedienen. Wenn hier von Onlineberatung gesprochen wird, ist eine Form der Beratung gemeint, wie sie von der Kommission Fortbildung Online-Beratung (KFOB) der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) im Jahr 2003 sehr treffend beschrieben wurde:

„Psychologische Online-Beratung ist eine aktive, helfende Begegnung resp. Beziehung zwischen einem/einer Ratsuchenden und einer/einem psychologischen BeraterIn. Sie findet virtuell im Internet mittels dessen spezifischer Kommunikationsformen (E-Mail, Chat, Forum etc.) statt, wobei die KlientInnen Ort und Zeitpunkt der Problemformulierungen selber bestimmen. Sie hat zum Ziel, bei den KlientInnen kognitiv-emotionale Lernprozesse anzuregen, damit die Selbststeuerungs- und Handlungsfähigkeit wieder erlangt oder verbessert werden kann. Psychologische Online-BeraterInnen stützen ihre Beratung auf anerkannte psychologisch-beraterische Methoden und halten sich an medienspezifisch erweiterte berufsethische Standards (Schweigepflicht, Datenschutz, Erkennbarkeit der Beraterpersönlichkeit, u.a.).“ (KFOB, 2003)

In Hinblick auf Online-Supervision besteht noch großer Entwicklungsbedarf auf konzeptioneller und qualitativer Ebene (Höllriegel, 2013). Wie in den Anfängen der Onlineberatungspraxis wird hier meist Folgendes getan: Bewährte Beratungskonzepte aus der klassischen Supervision werden in das Online-Setting übertragen und – mal mehr, mal weniger – eins zu eins übersetzt. So dient momentan noch die face-to-face Supervision als Referenzmodell für die Online-Supervision.

Onlineberatung ist anders
Die Vorteile der Onlineberatung liegen auf der Hand: Da ist zunächst die zeitliche und örtliche Unabhängigkeit des Zugangs zu Onlineberatungsangeboten. Klient/innen können ihre Anliegen in dem Moment formulieren und abschicken, in dem es ihnen „unter den Nägeln brennt“. Wartezeiten werden verringert bzw. fallen teilweise ganz weg. Durch die Möglichkeit eines anonymen Kontaktes wird die Schwelle zum Beratungsangebot nochmals gesenkt. Was oft als Nachteil für die Beratenden ausgelegt wird, nämlich der Wegfall von visuellen Reizen (Gestik, Mimik, Stimme etc.), ist durchaus ein Vorteil: für die Ratsuchenden, da sie besonders bei schambesetzten Themen keine Stigmatisierung befürchten müssen; und für die Beratenden, weil sie sich nicht von äußeren Reizen ablenken lassen, sondern auf den Text fokussieren (Vgl. Höllriegel, 2013, 5). Gleichwohl steckt in dieser Reduzierung der Kanäle eine besondere Herausforderung für Onlineberatende. Sie müssen über die Fähigkeit verfügen, Texte entsprechend „entschlüsseln“ zu können und ggf. auch „zwischen den Zeilen“ zu lesen.

Je nachdem in welchem Onlinesetting die Beratung stattfindet, sind wiederum spezifische Merkmale erkennbar. Etabliert haben sich inzwischen die Formen E-Mail-Beratung[1], Forenberatung (vgl. Brunner, Engelhardt, Heider, 2009) und Chatberatung. Hierbei ist schon die erste Differenzierung vorzunehmen: E-Mail- und Forenberatung finden asynchron statt, bei der Chatberatung ist der Kontakt zwischen Berater und Klient unmittelbarer und findet synchron vermittelt statt.
Neuere Entwicklungen in der Onlineberatung setzen stärker auf die Nutzung mobiler Endgeräte (Smartphones, Tablets), so dass künftig eher von einem „Beratungsstream“ oder dem „Coach in der Hosentasche“ zu sprechen sein wird.

Ein häufiger Kritikpunkt ist, dass Onlineberatung durch die Kanalreduktion kühl und distanziert sei. Dieser Umstand bringe eine „Ent-Sinnlichung“, „Ent-Emotionalisierung“ und „Ent-Menschlichung“ mit sich (Vgl. Döring, 1997). Die virtuelle Kommunikation bietet aber ein großes Spektrum an „Ausdruckskreativität“ – und es liegt an der Kompetenz der Beratenden, einen virtuellen Beziehungsaufbau so zu gestalten, dass sich die Kund/innen angenommen und gut aufgehoben fühlen.

Online-Superversion: Schreiben als reflexives Moment
Eine Supervision, die online stattfindet, bietet viele der bereits für Onlineberatung genannten Vorteile. Dass Schreiben an sich schon ein strukturierendes und reflexives Moment ist, liegt auf der Hand.
Die Schreibenden sind dazu angehalten ihre Worte genau zu wählen, um auszudrücken, was sie übermitteln möchten. Sie können nochmals nachlesen, was sie geschrieben haben, ergänzen, verändern, korrigieren, erweitern.
Im Gegensatz zur unmittelbar stattfindenden face-to-face Supervision, ergibt sich bei der
Online-Supervision automatisch ein Prozess der Entschleunigung (zumindest in asynchronen Beratungssettings). Im Sinne einer lösungsorientierten Beratungshaltung, bei der „das Wesentliche zwischen den Sitzungen geschieht“, ermöglicht Online-Supervision eben diese Erfahrung: Der Reflexionsprozess findet nicht wie bisher zwischen den Supervisionsterminen, sondern im Prozess des Schreibens und Überdenkens seinen Ausdruck. (Vgl. Koch, 2009, 6, Goebel-Krayer, 2007, 4)
Die Supervisanden sind stärker aufgerufen sich mit (der Beschreibung) ihrer beruflichen Situation und den damit verknüpften Frage- oder Problemstellungen zu befassen. Sie müssen wesentlich expliziter benennen, was ihr eigentliches Anliegen an die Supervision ist und beantworten sich – so ist anzunehmen – im Schreiben bereits viele Fragen selbst.

Supervision via E-Mail
Der einfachste Einstieg in die Online-Supervision ist für beide Seiten (Supervisor/in und Supervisand/in) sicherlich die Supervision via E-Mail. Durch die zeitliche Entzerrung des Kontaktes (im Gegensatz zum synchron verlaufenden Chat) haben Supervisor/in und Supervisand/in genügend Zeit ihre Texte zu bearbeiten – und in der Fassung zu versenden, die ihnen am besten zusagt.

Nach Goebel-Krayer „…sind E-Mails im Kontext von Supervision für sich genommen Erzählungen oder Beschreibungen vom beruflichen Alltag. Es sind hochgradige Verdichtungen sozialer Wirklichkeit, in denen SupervisandInnen ihre Perspektive der Menschen, mit denen sie zusammen arbeiten, der Institution, in der sie arbeiten, und ihrer Rolle darin darstellen.“ (Goebel-Krayer, ebd., 3)

Praktisch gestaltet sich die Supervision via E-Mail folgendermaßen: Supervisor/in und Supervisand/in vereinbaren im Vorfeld des eigentlichen Supervisionsprozesses im Live-Kontakt, telefonisch oder ebenfalls schriftlich via Mail miteinander die Modalitäten des Supervisionsprozesses. Letztlich handelt es sich hierbei um die Aushandlung eines organisatorischen Kontraktes. Die ersten Mailkontakte sind dann entsprechend unterschiedlich stark geprägt durch Aushandlungsprozesse zur Bildung der gemeinsamen Arbeitsgrundlage bzw. durch die inhaltliche Arbeit am Thema.
Es zeigt sich – wie auch in den face-to-face-Supervisionsprozessen –, dass eine immer wiederkehrende Auftragsklärung notwendig ist, da „…sich häufig Themen verändern, verschieben oder auflösen und dann wieder das Anliegen geklärt werden muss.“ (Koch, ebd., 2).

Supervision via Chat
Grundsätzlich herausfordernder stellt sich die Supervision im quasi-synchron verlaufenden Chat dar. Die Schreibgeschwindigkeit ist naturgemäß im Chat recht hoch, so dass der Reflexionsprozess eine andere Dynamik bekommt. Der/die Supervisor/in ist hier im Sinne der Prozessverantwortung dazu angehalten, das Tempo des Chats genau zu prüfen und ggf. anzupassen oder mit dem/der Kunden/Kundin zu besprechen, wie ein angemessenes Schreibtempo eingehalten werden kann. Zu den Besonderheiten der Beratung im Chat finden sich bei Hintenberger (2006) ausführliche Hinweise. Höllriegel (ebd.) weist zudem auch auf Grenzen der Supervision im Chat hin. Ganz grundsätzlich gilt für beide Formate der Online-Supervision, dass zwar die Anliegen schneller auf den Punkt gebracht werden. Es ist nach Koch aber dennoch „…ein Irrtum zu meinen, Online-Coaching sei eine schnelle Beratung. […] Online-Coaching eignet sich nach meiner Erfahrung vor allem für persönliche Klärungsprozesse, die auch ihre eigene Zeit brauchen.“ (Koch, ebd., 8)

Die speziellen Kompetenzen eines Online-Supervisors
Gute „face-to-face“-Supervisor/innen sind nicht automatisch auch gute Online-Supervisor/innen. Die Kompetenzen, die ein/e Supervisor/in in der Online-Supervision aufweisen muss, unterscheiden sich in vielen Punkten von denen, die er/sie in klassischen Supervisionssettings einbringen muss. Das methodische Vorgehen lässt sich nicht einfach eins-zu-eins in das virtuelle Beratungssetting übertragen. Wenngleich natürlich die Elemente wie Auftragsklärung und Lösungsentwicklung auch in der Online-Supervision eine wesentliche Rolle spielen, so laufen sie doch verändert ab und bedürfen einer Modifikation wenn nicht gar Neuentwicklung. Grundsätzlich sollten Online-Supervisor/innen vor allem über Schreib- und Lesekompetenz verfügen und sich sowohl mit den technischen Gegebenheiten, als auch mit den Besonderheiten computervermittelter Kommunikation vertraut fühlen (Vgl. Höllriegel, ebd., Knatz, 2006a). Nicht zuletzt deshalb ist es notwendig, dass Supervisor/innen, die Online-Supervision anbieten, eine Qualifizierung in Onlineberatung besitzen. Allzu oft wird noch davon ausgegangen, dass die Kompetenzen, die im Rahmen einer allgemeinen Supervisionsausbildung erworben werden, ausreichen, um auch eine qualifizierte Online-Supervision anzubieten. Noch gibt es keine einheitlichen Ausbildungen für die Onlineberatung geschweige denn Online-Supervision, jedoch konnten sich in den vergangen Jahren die großen Träger der Onlineberatung auf ein gemeinsames Curriculum und damit verbundene Standards für die Ausbildung einigen, die den Maßgaben der Deutschen Gesellschaft für Online-Beratung (DGOB) entsprechen (vgl. auch Kühne, 2012). Grundsätzlich vermittelt werden in der Ausbildung Kenntnisse:
– zur Onlinekommunikation (Grundlagen computervermittelter Kommunikation, Mediensprache, virtuelle Gruppendynamik)
– zur Onlineberatung im Speziellen (z. B. theoretische Konzepte internetbasierter Beratung, Kenntnisse zur Gestaltung eines virtuellen Beratungsprozesses)
– zu rechtlichen und organisatorischen Bedingungen (z. B. Technik, Datenschutz) (vgl. Curriculum Online-Beratung, 2011)

Die Zukunft: On- und Offlineberatung mischen
Durch nahezu alle Alters- und Zielgruppen für Supervision vollzieht sich eine stärkere Mediatisierung der Kommunikationsmuster. Supervisor/innen müssen deshalb ein Verständnis dafür entwickeln, dass die Kund/innen bewusst den Weg über die Online-Supervision wählen, um eine Unterstützung in in Anspruch zu nehmen.
Für die Supervisionsausbildung bedeutet dies künftig auch die Integration von Qualifikationsbausteinen in Online-Supervision in die bestehenden Weiterbildungsformate. Denn den Fachverbänden für Supervision muss klar sein, dass Supervisor/innen auch jetzt schon Online-Supervision anbieten – häufig ohne die dafür notwendige Zusatzqualifikation. Um ein Angebot sicher zu stellen, das den Anforderungen der zertifizierenden Dachverbände für Supervision entspricht, wird die Umsetzung entsprechender Qualifikationsmöglichkeiten notwendig sein.

Gleichwohl geht es nicht darum, nun „alles online“ zu machen. Eine Perspektive für die Online-Supervision lautet daher: Blended Counseling. Gemeint ist hiermit „…eine Mischform aus Offline- und Onlineberatung, die im Beratungsprozess Anteile der Onlineberatung und Anteile der Face-to-Face-Beratung systematisch miteinander verbindet.“ (Weiß, 2011, 14)
Die Verknüpfung von klassischen face-to-face Supervisonsprozessen mit virtuellen Supervisionsanteilen schafft einen Mehrwert für Supervisand/innen (und Supervior/innen). Neben der höheren Flexibilisierung der Beratung, die besonders für zeitlich stark beanspruchte Kund/innen relevant ist, schafft die Verknüpfung von Online- und Offline-Supervisonsanteilen auch eine besondere Form der Reflexion. Die Dokumentation des Prozesses stellt für die Supervisand/innen einen besonderen Gewinn dar (die Mails und/oder Chatprotokolle bleiben auch im Anschluss an den Supervisionskontakt bestehen, was auch im Sinne der Qualitätssicherung einen wichtigen Aspekt darstellt (vgl. Höllriegel, ebd. 18)): Sie können auch im Anschluss noch einmal zu den Texten zurückkehren, sie neu lesen, neu überdenken und für sich interpretieren und reflektieren. Es werden neue Beschreibungen gefunden und neue Interpretationsmöglichkeiten geschaffen.

Emily Engelhardt ist Geschäftsführerin des Instituts für E-Beratung, TH Nürnberg, Systemische Supervisorin (SG) und Systemische Beraterin (SG) (www.der-dreh.net), Onlineberaterin und Ausbilderin (DGOB).  Arbeitsschwerpunkte: Online-Supervision, Wirksamkeitsforschung, Blended Counseling.

Literatur
Brunner, Engelhardt, Heider (2009): Forenberatung. In: Hintenberger, Gerhard/ Kühne, Stefan: Handbuch Onlineberatung
Curriculum Online-Beratung (2011) [unveröffentlichtes Papier der Trägerkonferenz Onlineberatung, Nürnberg]
Döring, N.(1997): Kommunikation im Internet. Neun theoretische Ansätze. In: B. Batinic: Internet für Psychologen
Kühne, S. (2012): Qualitätsmanagement in der psychosozialen Onlineberatung, Masterarbeit
Weiß, S. (2011): Blended Counseling: Aspekte zur Integration psychosozialer Offline- und Onlineberatung, unveröffentlichte Masterarbeit

Zeitschriften
Goebel-Krayer, E. (2007): Narrative E-Mail-Supervision. In: e-beratungsjournal,  3. Jahrgang, Heft 2, Artikel 3
Hintenberger, G. (2006): *taschentuchreich* – Überlegungen zur Methodik der Chatberatung. In: e-beratungsjournal, 2. Jahrgang, Heft 2, Artikel 2
Höllriegel, K. (2013): Online-Supervision – Potentiale und Restriktionen. In: e-beratungsjournal, 9. Jahrgang, Heft 1, Artikel 2
Knatz, B. (2006a): Qualitätsstandards für die Online-Beratung. In: e-beratungsjournal, 2. Jahrgang, Heft 1, Artikel 5
Knatz, B. (2006b): Methodische Konzepte der TelefonSeelsorge im Internet. In: e-beratungsjournal, 2. Jahrgang, Heft 2, Artikel 3
Koch, B. (2009): Ist Online-Coaching „richtiges“ Coaching?, In: e-beratungsjournal, 5. Jahrgang, Heft 1, Artikel 6

Websites
www.dgsv.de/supervision/ [zuletzt gelesen am 20.12.2012]
www.ifs-essen.de/uploads/media/Aufsatz_von_Bernd_Reiners_Supervision_von_Online-Beratung.pdf , S. 13f [zuletzt gelesen am 09.01.2013]
http://www.psychologie.ch/de/publikationen/dokumentation/reglemente/kompetenz_online.html [zuletzt gelesen am 21.12.2012]


[1] Gemeint ist hier die webgestützte Einzelberatung die häufig als E-Mail-Beratung bezeichnet wird, bei der aber die Daten auf einem Server gespeichert werden und nicht wie bei einer normalen E-Mail über mehrere Server verschickt werden. Bei einer seriösen E-Mail-Beratung handelt es sich immer um eine SSL-verschlüsselte Variante, die den aktuellen Sicherheitsbestimmungen des Datenschutzes entspricht.

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